Besetzung des Ruhrgbiets

Vor 98 Jahren: Bergleute sprengen den Kanal

Von 1923 bis 1925 war auch Recklinghausen von französischen Truppen besetzt. Ganz so passiv wie bislang angenommen war der Widerstand der Recklinghäuser dabei wohl doch nicht.
So sah das leergelaufene Teilstück des Rhein-Herne-Kanals im April 1923 aus. © Geschichtskreis König Ludwig

Mit der Besetzung des Ruhrgebiets und des Rheinlandes wollte Frankreich vor 98 Jahren deutsche Koks- und Kohle-Lieferungen als Reparationen nach dem Ersten Weltkrieg sicherstellen. Der französische Historiker Benjamin Volff kommt zu dem vorläufigen Schluss, dass das Verhältnis zwischen den französischen Besatzern und den Recklinghäusern ein vergleichsweise entspanntes war.

Das sieht Friedhelm Steckel zumindest partiell anders. Der frühere Bergmann berichtet von einer spektakulären Sabotage-Aktion mehrerer Kumpel der Zeche König Ludwig 4/5 im April 1923. Dieser Akt des Widerstandes wird auch in dem Buch „Unsere Zeche König Ludwig“ beschrieben. Demnach sprengte ein Kommando aus drei bis vier Bergleuten den sogenannten Düker des Kanals in die Luft. Dabei handelte es sich um die Brücke des Kanals über die Emscher. Dieses Wasserkreuz gibt es noch heute, allerdings leicht versetzt, am Rande der Brandheide auf Castrop-Rauxeler Gebiet.

100 Kilo Sprengstoff gehen in die Luft

100 Kilogramm Sprengstoff sollen die Bergleute damals an dem Bauwerk angebracht haben. Das Dynamit nahmen die Widerständler aus dem Lager der Zeche. Schon am Vortag deponierten sie es an Ort und Stelle. Schließlich fuhren sie mit dem Fahrrad zum Düker, um ihr Werk zu vollenden. „Der Zeitzünder war auf 4.30 Uhr in der Früh am nächsten Morgen eingestellt“, erzählt Friedhelm Steckel, der dem Geschichtskreis König Ludwig angehört.

So sah das „Kanalschloss“ aus, bevor es niederbrannte. © Geschichtskreis König Ludwig © Geschichtskreis König Ludwig

Als die Ladungen explodierten, waren die Kumpel deshalb, wie es sich gehörte, auf ihrer Schicht unter Tage. Das Ergebnis war verheerend. Der Kanal lief zwischen Henrichenburg und der Schleuse Herne leer. Die Besatzer dachten offenbar zuerst an ein undichtes Schleusentor. Erst später entdeckten sie das Leck. Die Reparatur dauerte Monate.

„Durch die Überschwemmung wurden sämtliche Spuren beseitigt“, sagt Friedhelm Steckel. So blieb der Sabotageakt lange Zeit unaufgeklärt.

Die Bevölkerung indes konnte Fische per Hand aus den wenigen verbliebenen Pfützen ziehen.

Die Folgen für die Franzosen waren gravierend. Denn sie organisierten den Kohletransport aus Recklinghausen über den Rhein-Herne-Kanal. Dieser Weg war nun versperrt. Nach der Schilderung Steckels soll ein Teil der Besatzer schließlich nach Bochum und Essen abgezogen sein. Zuvor jedoch seien die Truppen am Kanal jedoch verstärkt worden. Die Soldaten seien im Haus Pantring im heutigen Pöppinghausen untergebracht gewesen. Das 1896 in feudalem Stil errichtete Ausflugslokal hieß im Volksmund „Kanalschloss“. Die engere Belegung im Gebäude durch die französischen Soldaten soll zu einem Befall mit Flöhen und Läusen geführt haben. Der von den Besatzern angeforderte Kammerjäger schoss übers Ziel hinaus. Er fackelte gleich die gesamte Lokalität ab.

Männerchor fährt heimlich nach Hamburg

Über ein angespanntes Verhältnis zwischen Recklinghäusern und den französischen Besatzern weiß auch Wolfgang Sawalych zu berichten. Er trat als junger Mann 1971 dem Männergesangverein Eintracht bei. Nach den Proben im großen Ratssaal ging es auf ein Bierchen in den Ratskeller. Dort tauschten die Sangesbrüder in den 1970er-Jahren alte Anekdoten aus. Unter anderem die von einer Reise des Chores im Jahre 1923 nach Hamburg. Damals saßen noch Zeitzeugen mit am Tresen.

175 Mitglieder machten sich demnach 1923 auf den Weg, um in Hamburg vor 5000 Zuhörern ein Konzert zu geben. Die Sänger meldeten ihre Reise nicht bei der französischen Militärverwaltung an. Die Fahrt wäre wohl ohnehin verboten worden. Als der Zug bei der Rückkehr in den Recklinghäuser Bahnhof einfuhr, warteten die Franzosen schon.

Das gleiche Bild in Münster, wo mehrere Vorstandsmitglieder ausgestiegen waren, um der drohenden Gefangennahme zu entgehen. Doch auch hier waren die Soldaten schon. Der Eintracht-Vorstand wurde kurzerhand in eine Zelle im Recklinghäuser Rathaus eingesperrt. Nach vier oder fünf Tagen kamen die Sänger frei.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt