Musik

„30“ von Adele – ein richtig großer Wurf

Die Balladenweltmeisterin kann auch anders. Auf ihrem unterhaltsam vielseitigen und sehr gelungenen vierten Album „30“ nimmt Adele ihr Publikum sogar mit auf die Tanzfläche.
Sechs Jahre nach ihrem letzten Album ist Adele nun mit ihrer neuen Platte "30" zurück. Als erste Single hatte sie bereits die Ballade "Easy On Me" ausgekoppelt. © Simon Emmett

Um es gleich vorweg zu nehmen: „30“ ist überhaupt nicht das Adele-Album, das man nach der ersten Single hätte erwarten können. Denn auf „Easy On Me“ klingt Adele selbst für eigene Verhältnisse extrem phänotypisch.

Die Nummer ist ein melancholisches, ja trauriges, vom Piano und der Jahrhundertstimme der Künstlerin angetriebenes, zunehmend in den emotionalen Ausnahmezustand schwappendes Wehklagen über die nicht länger vorhandene Liebe zum Ex-Mann, gekoppelt an die Botschaft, es sich selbst vielleicht doch nicht gar so schrecklich schwer zu machen.

120 Millionen verkaufte Adele-Alben

Denn man hatte es ja versucht, und das Leben ist nicht nur das Leben, es geht halt auch irgendwie weiter. Muss ja. Aber wie es nach dem Gefühlsgigantismus von „Easy On Me“ weitergeht, das ist eine echte Überraschung.

„30“ ist das vierte Album der Londonerin. Ihr Debüt „19“ löste 2008 sogleich eine Weltkarriere aus, die sich drei Jahren später mit Adeles bisherigen Meisterwerk „21“ (mit „Someone Like You“ drauf) ins kaum Vorstellbare steigerte.

Zusammen mit dem etwas zu polierten „25“ (2015) hat Adele 120 Millionen Alben verkauft. Sie gewann bislang 15 Grammys und auch einen Oscar (für den Bond-Song „Skyfall“).

Nicht nur traurige Balladen

Adele ist der aktuell unangefochten größte Popmegastar von allen, größer als Ed Sheeran, größer als Taylor Swift, und wenn am Ende des Jahres die Verkaufszahlen weltweit addiert werden, wahrscheinlich sogar größer als Abba. Das sind so die Dimensionen bei Adele.

Mit „30“ ist Adele Adkins, 33, ein richtig großer Wurf gelungen. Eben auch, weil sie nicht den ganzen Käse, den das Leben ihr in der jüngeren Vergangenheit angerührt hat, in eine selbstmitleidige, lamentierende Tränendrüsenpianopathosballade nach der anderen gepackt hat.

Auf Adeles neuem Album „30“ verarbeitet sie in 15 Songs alles, was um ihren 30. Geburtstag in ihrem Leben passierte. © Simon Emmett © Simon Emmett

Und weil Adele ihre geballte Enttäuschung, ihre Schuldgefühle, ihren Frust über diese zugrunde gegangene Liebe, der einfach die Luft entwichen ist, in einen Haufen rasanter, vielschichtiger, teilweise hoch origineller, oft temporeich tanzbarer und geradezu euphorischer „Mir-geht-es-zwar-gerade-beschissen-aber-ich-werde-es-euch-schon-zeigen“-Songs verwandelt hat.

Emotionen für den Sohn und Hip-Hop-Vibes

Gut, in „My Little Love“ heult sie tatsächlich. Der Song, stilistisch Kerzenschein-Spätabend-Jazz, eigentlich leichtfüßig und dann doch wieder nicht, beinhaltet gesprochene Satz-Schnipsel von Adele und ihrem Sohn Angelo. Im Prinzip erklärt sie hier ihrem Jungen in sechseinhalb Minuten, wieso sie nicht mehr mit seinem Daddy in einem Haus lebt.

Auf dem von Hip-Hop (Adele liebt die Musik von Kendrick Lamar) inspirierten und soulig-swingenden „Cry Your Heart Out“, dem vielleicht fröhlichsten Liebeskummer-Song seit Jahrzehnten, gewinnt dann schon der Lebenstrotz die Oberhand. Durch „Oh My God“ (über einen One-Night-Stand) pumpen sogar richtige Beats – man will sich bewegen und fühlt sich an Beyoncés Hymne „Crazy In Love“ erinnert.

Scheidung machte ihr zu schaffen

Doch selbst die sorglosesten und partyfröhlichsten Melodien können nicht verdecken, wie schlecht es Adele psychisch ging, als sie von Anfang 2019 bis Anfang 2020 diese Stücke schrieb – ohne Corona wäre „30“ schon vor einem Jahr rausgekommen.

Bei Oprah Winfrey im Interview erzählte sie, dass sie wochenlang fast ohne Unterbrechung im Bett blieb, depressiv und desillusioniert, von Ängsten und Selbstanklagen geschüttelt, nur noch für Angelo halbwegs funktionierend.

„I drink Wine“ beschreibt den Weg zur Besserung

Wie sie dann den Sport – und alsbald die innere Athletin – in sich entdeckte, immer öfter wandern ging, drei Mal täglich obsessiv trainierte und – ohne Diät, wie sie beteuert – über vierzig Kilo verlor. Und, das erfahren wir in der köstlich betitelten, hymnenhaften Single „I Drink Wine“, wie sie nach und nach unter den Trümmern der Trennung und inmitten tiefer Verzweiflung wiederfand, was sie verloren wähnte: sich selbst.

„30“, so sagte es Adele der englischen Vogue, ist die künstlerische Wiederaufbereitung eines Lebens, das mit 30 in seine Einzelteile zerfiel und langsam wieder zusammengefügt werden musste. „Ich will einfach nur geliebt werden und lieben in der reinsten Form“, schmettert sie in dem dramatisch zuspitzenden Power-Piano-Stück „To Be Loved“. Mit ihrem neuen Freund, dem Sportmanager und Spielerberater Rich Paul unternimmt sie diesbezüglich aktuell den nächsten Anlauf.

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