Buch-Tipp

Fiktive Paartherapie kratzt an Nick Hornbys Erfolgskurs

Nick Hornby war einst Karos Lieblingsautor. Doch sein Roman „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ konnte sie nicht wirklich überzeugen. Sie erklärt Euch, warum.
In Nick Hornbys Roman "Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst" dreht sich alles um die gescheiterte Ehe von Tom und Louise, die mittels Paartherapie gerettet werden soll. © K. Jankowski

Mit Betreten eines Pubs bekunde ich unweigerlich mein Interesse an Bier, Geselligkeit und heiterem, unkompliziertem Rumhängen. Immer mal wieder erlebt man allerdings einen Kneipenabend, der ungeduldig am Gemüt zerrt, wie ein eingeklemmter Nerv.

Halbbetrunkene Streitigkeiten, die zu eskalieren drohen, dramatische Irrungen und Wirrungen der Liebe, unnötige Grundsatzdiskussionen, die zum Scheitern verurteilt sind. Das Setting ist zwar atmosphärisch, die Handlung erfüllt einen nun aber nicht mit einem Feuerwerk aus Begeisterung.

Paartherapie im Pub um die Ecke

Genau so ein Kneipenabend ist der Roman „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst – eine Ehe in zehn Sitzungen“ von Nick Hornby.

Louise und Tom gehen zur Eheberatung, weil Louise Tom betrogen hat. Jede Woche treffen sie sich vorher im Pub auf der gegenüberliegenden Straßenseite, trinken ein Pint und einen Weißwein und sprechen über die abtrünnigen Themen, die sie der Paartherapeutin niemals auf die Nase binden würden.

Eine durch und durch ungesunde Einstellung zur zwischenmenschlichen Bindung und Selbstreflexion. So, wie man es aus dem echten Leben kennt.

Roman kann nicht an alte Erfolge anknüpfen

Nick Hornby war zu Jugendzeiten mein Lieblingsautor. Mit „About a Boy“, „High Fidelity“ und allen voran „A Long Way Down“ hat er die Messlatte enorm hoch gehängt. Schwarzer Humor und das Unkonventionelle wurden ihm in die Wiege gelegt, er war quasi der britische Stuckrad-Barre.

Also Anfang der 2000er jetzt. Während Stucki weiterhin messerscharf das Zeitgeschehen malträtiert und mit seiner volksnahem Edginess verzaubert, scheint Hornby sich auf den Teil seiner Leserschaft zu fokussierten, der beim Einkaufen im Supermarkt auch ungeduldig nach einer zweiten Kasse brüllt.

Das Buch ist im März 2020 beim KiWi Verlag erschienen. © Kiepenheuer & Witsch

Die gesamten knapp 150 Seiten sind in Dialogform verfasst. Ein kontinuierliches Ping-Pong-Spiel ohne nennenswerte Ausschläge. Eine pre-therapeutische Eheberatung auf Basis von verständnisvoller Empörung und enorm viel von dem, was ich als Small-Talk deklarieren würde. Fast schon parlamentarische Verhandlungen über den weiteren Verlauf des gemeinsamen Miteinanders.

Britischer Humor funktioniert im Deutschen nur kaum

Wer Romantik oder große Emotionalität sucht, wird höchstens mit Marginalitäten belohnt – kleine Zickereien, die sofort diplomatisch im Keim erstickt werden, sind im wahrsten Sinne des Wortes das Höchste der Gefühle.

Ähnlich verhält es sich mit Hornbys berühmtem schwarzen Humor. Was, fairerweise angemerkt, möglicherweise auch an der deutschen Übersetzung liegen könnte. Englischer Witz ist nicht unbedingt ins Deutsche übertragbar.

Andererseits ist es doch auch ganz erfrischend zu sehen, wie zwei erwachsene Menschen ihre Probleme eben erwachsen angehen. Unspektakulär, harmonisch und zur beidseitigen Zufriedenheit. Um es in „High Fidelity“-Manier zu resümieren: „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ (was für ein unnötig komplizierter deutscher Titel…) ist für Nick Hornbys Bibliographie eben so zuträglich wie Coldplay für das Genre Indie-Rock. Ein bisschen peinlich, aber so belanglos, dass es irgendwie schon okay ist.

Nick Hornby: „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst – Eine Ehe in zehn Sitzungen“
Kiepenheuer & Witsch Verlag, 160 Seiten

ISBN: 978-3-462-00180-8, Preis: 10 Euro

Es ist auf jeden Fall eine grandiose Inspiration, „High Fidelity“ nochmal zu lesen. Und ich glaube tatsächlich, dass sich das Buch mit solider deutscher Besetzung ganz gut auf der Leinwand machen würde. Mit Florian David Fitz und Anna-Maria Mühe zum Beispiel.

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