Im Gespräch mit Scenario

Years & Years im Interview: „Ich mag es so ausschweifend wie möglich“

Olly Alexander, besser bekannt als Years & Years, hat mit „Night Call“ ein Album voller Dance- und Disco-Songs veröffentlicht. Ihm hat diese Art der Musik aus der Isolation herausgeholfen.
Vor sieben Jahren wurde Olly Alexander mit seiner Gruppe Years & Years und dem Song "King" berühmt. Mittlerweile ist aus dem Trio eine One-Man-Show geworden, was dem musikalischen Erfolg aber keinen Abbruch tut. © Universal Music

Years & Years (2015 berühmt geworden mit dem Superhit „King“) ist nach dem Ausstieg der zwei übrigen Mitglieder nun das Ein-Mann-Projekt von Sänger, Songschreiber und Gelegenheitsmodel Olly Alexander. Aber das macht nichts. Olly, schultert die ganze Geschichte auch alleine vorzüglich.

Auf „Night Call“, dem insgesamt dritten Album, läuft der Londoner auf Hochtouren. Die von Dance, Pop, Disco und House geprägten Songs sind größtenteils frivol und fröhlich. Wir unterhielten uns mit Olly Alexander.

Olly „Night Call“ steckt voller sehr temporeicher Dance-, Disco- und House-Nummern. War die musikalische Rasanz von Beginn an Teil des Albumkonzepts?

Kann man so nicht sagen. Eine ganze Reihe der Songs, an denen ich bis Anfang 2020, als die Pandemie zuschlug, gearbeitet hatte, fand ich danach nicht mehr so passend. So gegen Herbst 2020 war mir dann klar: Ich will Dance Music machen und Spaß haben im Studio. Ich wollte Musik machen, mit der ich meine eigene Abgeschiedenheit, mein ganzes Alleinsein der Monate zuvor, verdrängen und vergessen konnte.

Wie einsam war es denn für Dich?

Es war schon ziemlich einsam. Ich ging monatelang nicht aus, die Welt war nur noch so groß wie mein eigenes Appartement, und ich suchte nach Musik, mit der ich ausbrechen, mit deren Hilfe ich meine Welt wieder aufmachen konnte. Was ich brauchte, war der klassische Eskapismus, und zwar zunächst vor allem für mich selbst. Das entwickelte sich dann schnell zum Konzept. Jeder Song sollte infektiös auf gute Weise sein und dich zum Tanzen bringen.

Was passiert, wenn Du die Sau rauslässt?

Hey, ich mag es so ausschweifend wie möglich. Ich habe auch nicht den Eindruck, dass ich zahmer geworden bin, seit ich die 30 überschritten habe. Ich bin mir so gut wie sicher, dass ich fürs erste keine ruhige Kugel schieben will (lacht). Warum sollte ich auch?

In „Starstruck“ singst Du „I get starstruck over you“. Geht es da eigentlich um eine bestimmte Berühmtheit, die Dich nervös macht?

Nein, ich hatte niemand Konkretes im Sinn. Ich liebe einfach den Begriff, und am ehesten war ich als Kind „starstruck“ bei Leuten, die ich im TV sah. Besonders lustig ist es, diese Menschen dann Jahre später persönlich zu treffen.

Als Du zuletzt bei den Brit Awards bei Elton John für Eure gemeinsame Darbietung von „It’s A Sin“ als Meerjungfrau verkleidet auf dem Piano gelegen hast – wer war da wohl mehr fasziniert und überwältigt? Du von ihm oder Elton von Dir?

(lacht) Nun, ich weiß noch, dass Elton die ganze Zeit über Witze gerissen und irgendwelche Sachen erzählt hatte. Mein Kopf war ja sehr nah an ihm, und er machte also dauernd diese Scherzchen. Trotzdem schaffte ich es, meine Augen zu schließen und zu denken „Das ist der surrealste Moment meines Lebens“. Ich war definitiv von den Socken und voller Ehrfurcht gegenüber Sir Elton. Aber es war echt schön.

Was ist die Idee hinter Deiner Verkleidung als Meerjungfrau?

Ich liebe Meerjungfrauen. Und ich stehe ganz grundsätzlich alles, was mit Mythen und Märchen zu tun hat. Eine Meerjungfrau zu verkörpern, war schon ewig lange ein Traum von mir. Sie repräsentiert die Sirene, die dazu verdammt ist, draußen auf ihrem Felsen zu sitzen und den Matrosen hinterhersingt, um sie in den sicheren Tod zu locken. Das ist so eine großartige Metapher, und ich konnte mich immer mit ihr identifizieren. Ich fand es also lustig, auf dem Cover und überhaupt jetzt mal eine zu sein.

Auf dem Cover der 16 Songs umfassenden Platte hat sich Olly als Meerjungfrau ablichten lassen. Das sei schon immer ein Wunsch von ihm gewesen. © Universal Music

Wen lockst Du im Song „Night Call“? Und wohin?

Ich bin beim Schreiben dieser Songs in einen noch sehr viel schamlos vergnügungssüchtigeren Charakter geschlüpft, als ich selbst es je sein würde. Und als solcher lege ich meine Karten auf den Tisch und sage „Komm her und nimm‘ mich“. So einen Charakter zu spielen, macht total viel Spaß. Das ganze Stück steckt darüber hinaus voller Doppeldeutigen, je nach dem, wie sexuell du dich gerade fühlst, kannst du dieses oder jenes aus den Worten lesen.

Was explizite Songtexte in Mainstream-Pop-Hits betrifft, hast Du in den vergangenen fünf, sechs Jahren die Grenzen ziemlich ausgelotet und erweitert, oder?

So hätte ich das jetzt gar nicht gesehen. Verglichen mit den Lyrics einiger Kollegen halte ich meine sogar für ziemlich zahm (lacht). Aber ich streite nicht ab, dass du außer in meinen Songs nicht viele im Radio hörst, in denen es um schwule Liebe und schwule Lust geht. Wobei natürlich nicht alle meine Songs von Sex handeln….höchstens fast alle (lacht).

Ritchie, den Du in der gefeierten Serie „It’s A Sin“ spielst, macht in der Liebe ganz viel falsch. Wie gut konntest Du Dich mit diesem Charakter identifizieren?

Ich habe in dem Augenblick eine Verbindung zu ihm aufgenommen, als ich das Drehbuch las. Er ist zu Anfang der Serie 18 Jahre alt, versteckt seine Sexualität vor sich selbst und vor seiner Familie, seinen Freunden. Alles, was er will und macht, ist zu Hause auszuziehen und in der Großstadt ein Schauspieler zu werden. Das war mehr oder weniger auch meine Geschichte. Ich war also sofort drin in dem Kopf dieses Jungen. In anderen Dingen sind wir auch sehr unterschiedlich, doch ich denke, wäre ich in den Achtzigern in dem Alter gewesen, hätte ich sehr ähnliche Dinge durchgemacht wie er.

Magst Du ihn?

Viele Aspekte an Ritchies Wesen irritieren mich. Aber ich liebe ihn wirklich sehr. Ich bewundere seine Lust aufs Leben.

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